Tag 19 – Brügge sehen … und nasswerden
Brügge.
Ich wache in Genter Hostel “De Drake” auf. Die 3 Italiener, mit denen ich mein Zimmer teile, ratzen alle noch. Am Vorabend dachte ich noch, ich teile es mit 3 Mädels. Jedes Bett war faltenfrei bezogen, fein ordentlich lag je ein Rollikoffer darauf, keinerlei Dinge lagen unordentlich zerstreut herum. Wie geht das? Bei mir sieht das immer anders aus.
Ich schludere gegen 9:00 runter in den Frühstückssaal. So langsam hab ich das belgische Brot wirklich satt. Ist eigentlich nichts anderes als Toastbrot. Manchmal steht auch ein Toaster da. Zur Auswahl steht dann Vorderschinken, Käse, und eine wilde Auswahl aus kleinen Packungen Nutella, Frischkäse, manchmal auch Butter und Marmelade. Der O-Saft ist hier eigentlich nur Wasser mit Sirup, und der Kaffee schmeckt wie Muggefug. Aber immerhin Frühstück
Was eher nervig ist, ist das durchweg heulende Baby. Wie kommen Eltern denn drauf, ihren 3 Monate alten Säugling mit in ein Hostel zu nehmen? Ist doch für alle Beteiligten Unfug. Außerdem nervig ist meine Tischnachbarin, Französin, die schmazt. BOAH. Da krieg ich den totalen Rappel, wenn Menschen es trotz keinerlei anatomischer Benachteiligung nicht schaffen, beim Kauen den Mund zu schließen. Schlimmer als Fingernägel auf der Tafel. In diesen Momenten wünschte ich wirklich, ich würde in meinem Zelt irgendwo auf dem Campingplatz oder im Wald aufwachen. Aber das kann ich eben nur, wenn ich gerade keine Stadt anschauen möchte und keinen sicheren Platz für mein Gepäck brauche.
Nördlich von Brüssel beginnt das Paradies für Fahrradfahrer. Im Süden quasi nicht vorhanden, existieren im nördlichen Belgien etliche Radwege, die systematisch dokumentiert sind. Und das System ist genial! Es besteht nicht aus verschiedenen Fahrradwegen, sondern aus Wegpunkten. Wie das aussieht, kann man sich auf http://fietsnet.be/ zeigen lassen. Einfach mal die Website öffnen, und es wird einem direkt ein Kartennetz präsentiert, das gesät ist mit nummerierten Punkten.
Die Wegweiser bestehen am Ende dann aus einer der 4 Farben (eine für jede Himmelsrichtung – wer nach Westen will, folgt den grünen Schildern) und dem Punkt, den man als nächstes auf der derzeit befahrenen Straße erreicht. Genial, denn es ermöglicht unendliche Variationen der Routen. Man kann nach Brügge einfach dem Kanal folgen. Oder quer durch das Land von Punkt zu Punkt radeln, ohne auch nur in die Nähe von Bundesstraßen oder Autobahnen zu geraten. Hut ab!
Diese Karten gibt’s übrigens auch als OpenSource Alternative, um sich die Karten auf eventuelle GPS Systeme herunterladen zu können. Wer das will.
Okay, also radle ich gegen 10:00 Uhr los. Es ist Regen angekündigt, und ich hoffe, dass ich das ca 45 Kilometer entfernte Brügge erreiche, bevor’s losgeht. Hat nicht geklappt.
Ich spiele mit dem Gedanken, hier unter der Brücke meinen Campingkocher auszupacken und mir einen Kaffee zu kochen. Hat letztes Mal ja nicht so gut geklappt, und ich könnte üben. Hier ist überall Asphalt, da kann nix anbrennen. Und selbst wenn – es regnet ja eh.
Doch gerade als ich die Tasche öffnen will, verzieht sich der Regen. Die Wolken bleiben zwar, aber das hindert ja nicht am weiter radeln. Komme auch gleich an einem Wegweiser vorbei, von dem ich mich irgendwie angesprochen fühle.
Auf dem ganzen Weg nach Brügge werde ich weiterhin von einer bösen Wolke bedroht. Doch sie wartet freundlicherweise auf mich, bis ich im Hostel ankomme.
Kaum eingecheckt, kann sie’s wohl nicht mehr halten und lässt Wasser. Im wahrsten Sinne. Ist halt DIE Wolke. Frauenblasen und so. Ohje, ist der schlecht.
Da fällt mir ein, heute ist Samstag. Morgen möcht ich ja eigentlich weiter nach Dunkerque. Und da es bereits 17:00 Uhr ist, und hier in dem Örtchen die Geschäfte bereits gegen 18:00 Uhr schließen, springe ich noch schnell auf der anderen Straßenseite zum Aldi. Habe zwar kein Cash, aber meine EC- und Kreditkarten wurden bisher überall akzeptiert. Rein in Aldi, Trockenwurst, Buttersemmeln und etwas Obst zusammengesucht – an der Kasse – EC Karte nicht akzeptiert. Visa kann das Gerät erst gar nicht. Also musste noch ein 2 Kilometer Umweg über die nächstgelegene Bank gemacht werden.
Neben dem Aldi gab’s gleich noch einen C&A, bei dem ich mir noch für 5,- EUR einen Zehnerpack Socken kaufen kann. Cool! Hab nämlich nur 3 Paar dabei, und die sind schon durchlöchert.
Am Abend mach ich mich dann auf den Weg in die Stadt. Nicht groß Sightseeing, sondern einfach ein bisschen die Stadt fühlen. Es ist sehr windig, und Wolken aller Art ziehen recht schnell durch den Ort. Dadurch ist das Risiko eines Dauerregens äußerst gering.
Fällt direkt auf: Kutschen. Echte Pferdekutschen führen Touristen im Wagon durch die Stadt, und erzählen Stories und Geschichten. Nette Idee. Und sind echt viele von den Dingern unterwegs!
Brügge besteht – wie Gent – überwiegend aus Kanälen, Türmen, Burgen, alten Häusern. Wobei viele Häuser gar nicht wirklich alt sind, aber im Vintage-Stil besser ins Stadtbild passen. Brügge wird übrigens auch “Das Venedig des Nordens” genannt. Und seit dem Film “Brügge – sehen und sterben” ist die Stadt von Touristen absolut überlaufen. Brutal. So viele Touristen in so einer kleinen Stadt. Kein Wunder, dass die Einheimischen hier keinen Bock mehr drauf haben.
Der Belfort Turm auf dem Marktplatz ist riesig. Wenn man nicht hochschaut würde man ihn gar nicht bemerken.
Diese Mopeds hier sind böse! Sie sind schweinelaut, ziemlich schnell, haben meist kein Nummernschild und werden von Jugendlichen über die Radlwege gejagt. Einmal sogar so knapp, dass ich vor Schreck einen lauten Arschloch-Schrei loslasse. Passiert mir selten.
Im Jahre 1631 haben niederländische Truppen eine Kanone in Brügge zurückgelassen. Bis heute weiß keiner, wie sie kopfüber im Gehweg gelandet ist.
Der Tourist Guide, den man in Papierform in jedem Hostel kriegt, empfiehlt eine Brasserie namens “Medard”. Ich gehe rein, und bemerke erst gar nicht, dass der Eigentümer seit 5 Sekunden hinter mir steht und mich auf belgisch fragt, ob er mir denn helfen könne. Erst als ich mich umdrehe und in sein verdutztes Gesicht blicke, verstehe ich, dass er unfreiwillig Monolog führt. Er ist zwar ausgebucht, aber ich kann mich trotzdem ca. 1 Stunde lang niedersetzen. Ich bestelle ein Bier (ein lokales Brugse Zot vom Fass). Normales Bierchen. Wie Becks. Dazu eine große Portion Spaghetti. Wird von einem kleinen fetten Jungen serviert, der vor der Glotze sitzt und Zeichentrick guckt.
Das ist das erste Mal auf der Reise, dass ich so viel esse, dass ich fast platzen könnte. Die Spaghetti sind zwar nicht besonders – al dente ist anders – aber dafür eine echt leckere Bolognese Sauce und viiiiieeeel Nudeln. Kohlehydrate. Für – zusammen – 10,- sehr fair, ist schließlich direkt in der Innenstadt.
Im Anschluss (es ist ca. 19:30 Uhr) will ich mich noch im “‘T Brugs Beertje” vollaufen lassen. Der Pub hat alle belgischen Biersorten. Also kann ich noch ein paar von meiner Liste streichen. Aber erst brauch ich noch einen Kaffee, denn ich bin müde. Und wenn ich müde bin, bin ich auch introvertiert und gedanklich nicht auf der Höhe, sodass flapsige Gespräche im Pub ausbleiben würden.
Im Pub mach ich dann gleich zu Beginn den Fehler, ein Rochefort 10 zu bestellen. Hat einen Alkoholgehalt von 11,3%. Puh. Im Anschluss muss ich natürlich bei starkem Bier bleiben, sonst schmeckt’s wie … Also wird’s im Laufe des Abends noch ein Malheur (12%), ein Carolus (11,2%) und ein Bush (9%). Schmecken alle sehr stark, klar, aber ganz lecker.
In dem Pub läuft den ganzen Tag nur klassische Musik. “Quiet atmosphere and a good beer – that’s our mantra for alomst 30 years now”.
Nach einem netten Plausch mit den Baarkeepern und anderen Touristen, die sich wie ich an der Theke volllaufen lassen, torkle ich gegen Mitternacht auf dem Weg nach hause an einem Frittenstand vorbei und lasse mir noch eine Wegzehrung mitgeben.
In meinem Zimmer spukt es. Da schlafen 3 andere Kerle drin. Mir egal. Aber als ich am Morgen aufwache, sind sie weg. Das Bettzeug ist aber noch da. Die Koffer nicht. Sehr eigenartig.
Neben dem Fenster ist eine große Wasserpfütze, denn wir hatten über Nacht das Fenster offen gelassen, und es hat reingeregnet. Doof, aber hat keinen Schaden angerichtet. Frühstück gibt’s hier nur bis 9:00, also gönne ich mir wieder lecker … Toastbrot …
Draußen regnet es weiterhin, also habe ich kurzerhand beschlossen, heute einen Tag blau zu machen, und habe meinen Aufenthalt hier verlängert. Genug Zeit also, um wichtige Sachen zu tun. Wie bloggen
Als ich mit “Hey, Fabian!” begrüßt werde, stehen da – die 3 Italiener aus dem Genter Hostel.












August 26th, 2012 at %H:%M
hrhr, “DIE Wolke”